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Bräuche und Trauung

Die jüdische Hochzeit: Chuppa, Ketubba und Glasbruch erklärt

Ring, Ketubba, sieben Segenssprüche und das zerbrochene Glas: Wie eine jüdische Hochzeit abläuft und was hinter den einzelnen Schritten steckt.

Redaktion Hochzeit Brautinfo6 Min. Lesezeit

Die jüdische Hochzeit: Chuppa, Ketubba und Glasbruch erklärt, Bild 1

Die jüdische Hochzeit, oft einfach Chuppa genannt, ist eine der vielschichtigsten Trauungszeremonien überhaupt. In ihr sind biblische, historische, mystische und rechtliche Fäden zu einem Bild verwoben. Manche Elemente kennt ihr vielleicht aus anderen Hochzeiten, ihre Bedeutung ist aber oft eine ganz andere. Wer zu einer jüdischen Hochzeit eingeladen ist oder selbst jüdisch heiratet, versteht die Zeremonie mit etwas Hintergrundwissen viel besser.

Was eine jüdische Hochzeit besonders macht

Der Ring als Zustimmung, nicht als Symbol

Traditionell gibt der Bräutigam der Braut einen Ring. Theoretisch könnte es auch ein anderer Gegenstand mit einem, wenn auch kleinen, materiellen Wert sein. Der Ring ist dabei kein Zeichen der Zuneigung und kein Symbol für Treue und Ewigkeit wie in vielen anderen Kulturen. Mit seiner Annahme drückt die Braut vielmehr ihre Zustimmung aus, diesen Mann zu heiraten. Man könnte sagen: Das Überreichen des Rings ist der Antrag, die Annahme ist das Jawort ohne Worte.

Natürlich behalten Bräute diesen Ring meist als Erinnerungsstück und tragen ihn als Schmuck. Formal hat er nach der Trauung aber keine Bedeutung mehr. An dieser Stelle der Zeremonie werden auch keine Ringe getauscht, nur die Braut bekommt einen Ring. Würde auch der Bräutigam einen Ring entgegennehmen, könnte nach traditioneller Auffassung sogar die Gültigkeit der Trauung in Frage stehen.

Die Ketubba: Rechte der Braut

Im Rahmen der Zeremonie überreicht der Bräutigam der Braut die Ketubba (aschkenasisch Kesuba ausgesprochen). In diesem traditionellen, für das Paar personalisierten Dokument sind seine Pflichten und ihre Rechte festgehalten. Ein Ehevertrag im heutigen Sinn ist sie aber nicht.

Die Rolle des Rabbiners

Auch der Rabbiner „verheiratet“ das Paar nicht. Den Akt der Eheschließung könnte das Brautpaar vor zwei Zeugen auch selbst vollziehen. Der Rabbiner achtet darauf, dass alle wesentlichen Schritte und formalen Details korrekt durchgeführt werden, damit sowohl die Trauung (Erusin) als auch die Eheschließung (Nisuin) nach jüdischem Recht gültig sind.

Ein Tag der Umkehr und des Fastens

Die Hochzeit bedeutet für Braut und Bräutigam einen Neubeginn. Sie wird oft mit Jom Kippur verglichen, dem Versöhnungstag, als ein Tag der Umkehr und Sühne. Deshalb fasten viele Brautpaare am Hochzeitstag vom Morgengrauen bis zur Zeremonie.

Unter freiem Himmel oder in der Synagoge

Traditionell findet die gesamte Zeremonie im Freien statt, zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Braut und Bräutigam legen dabei entweder gemeinsam einen Tallit, einen Gebetsmantel, über Kopf und Schultern, oder sie stehen nach der seit dem 18. Jahrhundert vielerorts üblichen Tradition gemeinsam unter einem Baldachin. Dieser Baldachin heißt, wie die Zeremonie selbst, Chuppa.

Vor allem in bürgerlichen Kreisen begann man im 19. Jahrhundert, Hochzeiten in der Synagoge abzuhalten. Dem gingen lange rabbinische Diskussionen voraus, ob das überhaupt zulässig sei. Heute gilt es allgemein als akzeptabel, wenn auch nicht nach allen Lehrmeinungen als erste Wahl.

Der Ablauf der Zeremonie

1. Erusin oder Kidduschin: die Trauung

Die Ehe gilt im Judentum als heilig. Der erste Teil der Zeremonie heißt daher nicht nur Erusin, sondern auch Kidduschin, was „Heiligung“ bedeutet. Das Wort ist allerdings nicht ganz deckungsgleich mit dem christlich geprägten Begriff „heilig“.

Der Rabbiner spricht, eigentlich stellvertretend für den Bräutigam, einen Segen über einem Glas Wein, aus dem beide trinken. Nach aschkenasischer Tradition, die auch in Österreich verbreitet ist, verwendet man hohe, spitze Gläser wie Sektgläser, wenn die Braut zum ersten Mal heiratet, und breite Gläser wie Weingläser, wenn sie schon einmal verheiratet war.

2. Der Ring

Danach steckt der Bräutigam der Braut einen schlichten, unverzierten und nicht gravierten Ring aus Silber oder Gold an den ausgestreckten rechten Zeigefinger. Der Ring muss wirklich ihm gehören, er muss ihn also selbst gekauft oder geschenkt bekommen haben. Indem die Braut den Finger ausstreckt, gibt sie ihre Zustimmung.

Das muss vor zwei Zeugen geschehen. Traditionell sind das zwei religiöse jüdische Männer, die weder miteinander noch mit dem Brautpaar verwandt oder verschwägert sind.

3. Der Schleier

Während der gesamten Zeremonie trägt die Braut einen Schleier, der auch ihr Gesicht bedeckt. Er soll aber durchsichtig genug sein, damit der Bräutigam seine Braut zweifelsfrei erkennen kann.

4. Das Verlesen der Ketubba

Nun liest der Rabbiner oder ein anderer Anwesender die Ketubba vor. Bevor der Bräutigam sie der Braut übergibt, unterschreiben zwei Zeugen. Sie bestätigen damit, dass der Bräutigam den Inhalt verstanden hat und sich seiner Pflichten und der Rechte der Braut bewusst ist. Das können dieselben Zeugen wie bei der Trauung sein oder andere, die dieselben Voraussetzungen erfüllen.

Mancherorts folgt an dieser Stelle eine kurze Ansprache an das Brautpaar. Notwendig oder traditionell üblich ist sie nicht.

5. Nisuin: die sieben Segenssprüche

Dann beginnt der zweite Teil, die Eheschließung, Nisuin genannt. Über einem zweiten Glas Wein werden die sieben Hochzeitssegen, die Schewa Brachot, gesprochen. Traditionell ehrt man damit zwei Anwesende, oft die Väter des Brautpaares: Der eine spricht sechs Segen, der andere den siebten. Im 20. Jahrhundert hat sich vielerorts eingebürgert, dass bis zu sechs verschiedene Personen die Segenssprüche sagen. Danach trinken Braut und Bräutigam wieder einen Schluck Wein.

6. Das zerbrochene Glas

Selbst im freudigsten Moment soll die Zerstörung des Tempels und Jerusalems vor fast 2000 Jahren nicht vergessen werden. Deshalb zerbricht der Bräutigam ein Glas, idealerweise jenes, das für den ersten Segen verwendet wurde. Traditionell wirft er es, aus Sicherheitsgründen in ein Tuch gewickelt, auf den Boden. Die vor allem durch Filme bekannte Variante, bei der er auf das Glas tritt, ist heute ebenfalls weit verbreitet.

Viele rufen in diesem Moment sofort „Mazel Tov“. Eigentlich sollten aber alle kurz innehalten und der Zerstörung des Tempels gedenken, während der Bräutigam leise die Verse 5 und 6 aus Psalm 137 spricht: „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über meine höchste Freude.“

Erst danach ruft man „Mazel Tov“, und alle gratulieren dem Brautpaar.

7. Jichud: ein Moment zu zweit

In manchen Traditionen folgt vor dem Festessen der Jichud. Braut und Bräutigam ziehen sich allein in einen Raum zurück, in dem kleine Erfrischungen bereitstehen, während zwei Zeugen vor der Tür warten. In orthodoxen Kreisen ist das der erste Moment, in dem die beiden ungestört allein sind, und oft das erste Mal, dass sie einander berühren. Erst jetzt ist die Ehe formal geschlossen.

Nach etwa zehn Minuten kommt das Brautpaar heraus und zieht mit den Gästen in den Festsaal, wo ausgiebig gefeiert wird. Nach anderen Traditionen findet der Jichud erst nach dem Fest statt: Die Zeugen begleiten das Paar dann zur Unterkunft, vergewissern sich, dass niemand sonst dort ist, und gehen nach einigen Minuten nach Hause, sobald das Paar die Tür von innen verschlossen hat.

Jüdisch heiraten in Österreich

Rechtsgültig ist in Österreich nur die standesamtliche Trauung. Die religiöse Zeremonie wird zusätzlich gefeiert. Was ihr für das Standesamt braucht, lest ihr in unserem Ratgeber Standesamtlich heiraten in Österreich. Für alle Fragen rund um eine jüdische Hochzeit in Wien ist das Rabbinat der Israelitischen Kultusgemeinde Wien die richtige Anlaufstelle.

Häufige Fragen

Warum zerbricht der Bräutigam bei der jüdischen Hochzeit ein Glas?

Das zerbrochene Glas erinnert an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Selbst im glücklichsten Moment soll dieser Verlust nicht vergessen werden, erst danach ruft man Mazel Tov.

Was ist eine Ketubba?

Die Ketubba ist ein traditionelles Dokument, in dem die Pflichten des Bräutigams und die Rechte der Braut festgehalten sind. Sie wird bei der Zeremonie verlesen, von zwei Zeugen unterschrieben und der Braut übergeben.

Was bedeutet Chuppa?

Chuppa bezeichnet sowohl den Baldachin, unter dem das Brautpaar steht, als auch die jüdische Hochzeitszeremonie selbst. Der Baldachin symbolisiert das gemeinsame Zuhause.

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